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Vortrag von Rainer Schrey am 20. Februar 2013

Vortrag von Rainer Schrey am 20. Februar 2013

Rainer Schrey referierte in der Sportopaedie

Das Wunder von Hoffenheim aus dem Jahr 2006, als der „Dorfverein“ nach dem Aufstieg sofort Herbstmeister der 1. Fußball-Bundesliga wurde, hatte mehrere Väter. Einer davon war fraglos Rainer Schrey. Der diplomierte Trainingswissenschaftler und heutige Athletiktrainer des Fußball-Bundesligisten Mainz 05 folgte einer Einladung von Sportopaedie-Partner Pieter Beks und referierte in den Räumen der Klinik St. Elisabeth.

Bei seinem Vortrag vor etwa 85 geladenen Gästen stellte Schrey zunächst die Aufgaben eines Athletiktrainers bei der Planung und praktischen Durchführung des täglichen Trainings vor und gewährte Einblicke in das Innenleben eines Top-Clubs der Fußball-Bundesliga. Ein ganzer Stab betreue die Spitzensportler quasi rund um die Uhr, erklärte Schrey: Trainer, Co-Trainer, Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Ärzte, Ernährungsberater, Sportpsychologen. „Unsere Arbeit ist darauf ausgerichtet, die Hochleistungssportler trotz der Härte der Belastungen im Fußball möglichst leistungsfähig und dennoch resistent gegen Verletzungen zu machen oder verletzte Spieler wieder an den aktiven Kader heranzuführen.“

Basis der Schrey´schen Trainingsphilosophie ist die KAD. KAD steht als Kürzel für Komplexe Athletische Dynamik. Schrey erklärt: „Fußball ist äußerst komplex und setzt sich aus vielen komplett unterschiedlichen Bausteinen zusammen.“ Je besser die einzelnen Bausteine entwickelt seien und je besser sie ineinander griffen, desto höher sei auch die Dynamik im Spiel. Die Komplexe Athletische Dynamik definiert sich aus den Bausteinen Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit, Kraft, Stabilität, und Mobilität. Schreys Credo: „Der Trick ist, wie bei einem Auto an ausgewählten athletischen Stellschrauben zu drehen, um die Gesamtleistung bei der Fahrt unter teilweise extremen Bedingungen zu erhöhen. Für den Sportler bedeutet das: Training außerhalb der Komfortzone.“

Beeindruckend an Schrey ist die Analytik, mit der er seine Trainingsmethoden entwickelt. Fundierte Statistiken zerlegen jedes Fußballspiel in kleinste Laufweganalysen. So konnte der Athletikcoach die Zuhörer mit Zahlen überraschen, die aus dem Bauch heraus wohl die meisten so nicht getippt hätten. Beispielsweise hat sich die Gesamtlaufleistung im Profi-Fußball in den letzten 30 Jahren nur unwesentlich erhöht, von im Schnitt 9,7 auf 10,5 km pro Spieler. Ganz anders sieht die Entwicklung der intensiven Laufabschnitte aus: Im Mittel, so Schrey, habe sich die Laufdistanz im Hochgeschwindigkeitsbereich bei einem Mittelfeldspieler zwischen 1983 und heute um mehr als 80 % und auf der Position des Stürmers sogar um 110 Prozent erhöht!

Mehr laufen, aber vor allem sehr viel schneller – diese Anforderung an Fußballer, die Schrey nicht nur auf den Profifußball beschränkt sieht, benötigt ein Umdenken beim Trainerstab. „Wenn ein offensiver Mittelfeldspieler im Schnitt pro Spiel 325 Meter mit Maximalgeschwindigkeit und über 1,8 km im Intensivbereich von mehr als 17 km/h zurücklegt, dann bringt ihn ein Training, das auf Jogging-Tempo von etwa 12 km/h fokussiert ist, schlichtweg nicht weiter.“ Deshalb, rät Schrey, brauche ein modernes Training eine gute Organisation: „Gute Planung definiert exakte Ziele und beschreibt einen sinnvollen Weg dorthin. Sie unterliegt einer ständigen und individualisierten Anpassung auf dem Weg zu einem höheren Leistungsniveau.“

Periodisierung und Zyklisierung des Trainings sind weitere Zauberworte des Athletiktrainers, der in seinem Vortrag immer wieder die goldene Hoffenheimer Zeit wiederaufleben lässt, etwa mit einem kurzen Video, das die sehr abwechslungsreichen Übungseinheiten der Profis eindrücklich darstellt. Er erzählt von den beiden Makrozyklen im Fußball, der Vor- und der Rückrunde, die er jeweils in Vorbereitungsphase (= aufbauende Phase), Wettkampfphase (= reduzierende Phase) und Übergangsperiode (= reduzierende Phase) aufgliedert und anhand von Beispielen erläutert. Wer mehr darüber wissen will und sich praktische Tipps, ja sogar richtige Trainingspläne abholen möchte, dem sei Schreys Buch „Die perfekte Fußballschule“ empfohlen. Es ist im Südwest-Verlag erschienen.

In diesem Fachkompendium geht Schrey ebenfalls intensiv auf zwei Themen ein, die er beim Vortrag aus Zeitgründen nur streifen konnte: Ernährung und Regeneration. „Powerfußball braucht Powerernährung“ – so bringt Schrey es auf den Punkt. Dabei nimmt er explizit Stellung zu Nahrungsergänzungsmitteln. „Ich bin ein Verfechter natürlicher Nahrungsbestandteile. Was der Körper eines Sportlers braucht, kann man ihm über natürliche, hochwertige Lebensmittel zuführen.“ Schrey gibt im Vortrag Tipps für besonders geeignete Speiseöle, den richtigen Kalorienmix aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fett, und selbst die guten alten Pellkartoffeln mit Quark oder Spiegelei kommen bei ihm als günstige Nahrungsmittelkombinationen wieder zu Ehren. Rainer Schrey ist eben kein Guru, sondern ein bodenständiger, hochseriöser Fachmann, das zeigt er mit jedem seiner geschliffenen Sätze.

Kompetenz demonstriert er auch im letzten Block seines 90-minütigen Vortrags, in dem es um Regeneration geht. Es sei zumindest im Profifußball nicht mehr so, dass besser werde, wer am meisten trainiere. Viel ausschlaggebender sei der Wechsel zwischen Belastung und Erholung. Schrey: „Mehr und bessere Regeneration ist nicht nur ein Thema für den Profifußballer. Auch wer in einer Kreisligamannschaft kickt und nur 30 bis 40 Spiele pro Saison macht, kann eine ähnliche Gesamtbelastung verspüren wie ein Profi.“ Das liege am geringeren Leistungsniveau bei vergleichbarer oder gar stärkerer Ermüdung durch das Training und der zusätzlichen Belastung durch Job oder Schule. In seinem Buch gebe er viele Tipps zu regenerativen Maßnahmen, sagt Schrey, plaudert jedoch noch aus dem Nähkästchen der Mainzer Profis. Dem Cool-down, also dem Auslaufen oder auch Ausradeln (Schrey setzt seine Profis gerne nach harten Belastungen aufs Rad, um sie locker die Beine drehen zu lassen), misst er höchste Priorität bei. Bevor der Sportler dann unter die Dusche steigt und weitere regenerierende Maßnahmen beginnen, wie etwa Kaltwasseranwendungen oder Massagen, schlägt die Stunde der Ernährungsspezialisten, die spezielle Getränke reichen. Schrey nennt diese 60 Minuten nach der Belastung das „open window“, das offene Fenster zu den leeren Depots der Muskeln: Kohlenhydrate, Natrium, Magnesium, Kalium, Eiweiß und Zink werden in flüssiger Form gereicht. Der Perfektionist Schrey zeigt auch hier seine außerordentliche Qualität, wenn er betont, dass das Eiweiß einen hohen Anteil der regenerationsbeschleunigenden Aminosäuren Arginin, Lysin und Leuzin enthalten solle. Während es die Pellkartoffeln mit Quark zu höheren Weihen bringen, fällt der Deutschen liebste Frucht durch – zumindest als Regenerationsbeschleuniger. Schrey: „Wer nach der Belastung eine Banane oder gar einen Kuchen isst, hat das open window nicht genutzt, denn die Nährstoffe werden nicht schnell genug verdaut.“

Gut verdaut hat Rainer Schrey übrigens den Weggang aus Hoffenheim. Auf die Frage eines Zuhörers, ob die Hoffenheimer Misere etwas mit schlechterer körperlicher Fitness zu tun habe, reagiert er professionell und sympathisch: „Ich habe zu wenig Einblick, um mir ein Urteil erlauben zu können. Ich wünsche der TSG von Herzen, dass sie sich fangen und einen Neuanfang machen kann.“

Mancher Zuhörer mag dabei an einen von Schreys ersten Sätze des Vortrages gedacht haben: „Leistung ist planbar, allerdings unter einer Voraussetzung: Du bist gierig auf Erfolg.“